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29_ Schrödinger #17

Zusammenfassung: was bisher geschah (…)

Es gibt einen Satz, den möchte in Paarbeziehungen niemand hören und niemand möchte ihn sagen. Und doch wird es von Zeit zu Zeit notwendig genau diese verhängnisvollen Worte auszusprechen.

“Du”, sagte Die Hand zu Schneewittchen, “Ich muss dir mal was sagen.”
Sie saß auf dem Sofa und streichelte Nameless. Sie machte einfach weiter, als hätte sie nichts gehört.
Die Hand zog sich einen Stuhl vom Tisch heran und setzte sich. Er war nervös und schlang seine Füße auf Höhe der Knöchel um die Stuhlbeine. Als wolle er sich festschnallen, damit ihn Schneewittchens Reaktion nicht wegfegt. Er begann seine Geschichte mit Der Frau zu erzählen. Das sie sich schon lange kannten, wie sie sich aus den Augen verloren und wieder getroffen hatten und was zwischen ihnen passiert war. Alte Hüte für uns. Trotzdem wurde es Nameless auf dem Sofa zu heiß, sie flüchtete zu mir und wir taten so, als würden wir einen kleinen albernen Stoffball bespielen, was normalerweise unter unserer Würde ist.

Zuvor, am Nachmittag, war Schneewittchen unter das Bett gekrochen und hatte das Klebeband inspiziert. Die kurzen Haare Der Frau klebten da zwar dran, aber sie waren von unseren mit dem menschlichen Auge nicht zu unterscheiden und so hatte sie keinen Beweis finden können. Aber so wirklich beruhigt hatte sie das auch nicht.

“Oh, wie un-nice”, flüsterte Nameless. “Vielleicht hätte er besser weiterhin lügen sollen. Was man nicht weiß, macht den Kohl nicht fett.”
“Sie reagiert gar nicht”, stellte ich erstaunt fest.
“Ist sie tot?”
“Ich glaube nicht. Aber wer weiß, vielleicht sterben Menschen, wenn sie die Wahrheit erfahren”, sagte ich, ohne wirklich daran zu glauben.
Wir hatten bis jetzt so getan, als ginge uns das Geschehen auf dem Sofa gar nichts an, doch jetzt hockten wir da und starrten mal zu Schneewittchen und mal zu Die Hand. Als verfolgten wir ein Tennismatch ohne Ball. Keiner sagte was. Nur der Stuhl knarrte leise. Es war kaum auszuhalten.

Nameless stieß plötzlich einen jämmerlichen Miau-Laut aus. Beide waren froh, sie wandten sich uns zu und sprachen mit einem Mal viel und schnell: Och, was ist denn? Du arme Mieze. Ihr habt noch nichts zu Fressen gekriegt. Vielleicht ist es zu kalt hier drin? Möchtet ihr was Feines? Und so weiter. Sie kümmerten sich um uns und überhäuften uns mit Leckerchen und Streicheleinheiten.
“Klappt doch”, sagte Nameless.

Hatte sie mit voller Absicht die Ablenkung initiiert oder war sie einfach nur verfressen? Ich weiß es nicht. So vieles entzog sich mir in diesem Augenblick. Ich, die beobachtende Schrödinger, die vom Dach aus begonnen hatte die Menschen anhand eines allein lebenden Männchens zu studieren, hatte es plötzlich nicht nur fellnah mit dreien dieser Spezies zu tun, sondern auch noch mit einer Mit-Katze, die ich mir nicht ausgesucht hatte. Sie war da, leckte sich die Pfote und sagte: “Schau Schrödi, alles wird gut”.

Ob es gut wird, weiß ich nicht. Es sieht aber so aus, als würde es IRGENDWAS werden. Menschliche Beziehungen sind komplexer als ich dachte. Schneewittchen schaute zu Die Hand hoch (sie ist ja sehr klein) und Die Hand lächelte schüchtern, eben genau so wie jemand lächelt, dem verziehen wird.

Mal sehen, sagt die Katze, was das werden wird.

schwer-einfach

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