Schrödinger

12_Schrödinger #7

12_Schrödinger #7

Der Hof. Ich streife durch die Beete, auf der Suche nach einem geeigneten Versteck. Einem leckeren Rosmarin kann ich nicht wiederstehen, doch kaum habe ich ein bisschen daran geknabbert, höre ich nah, zu nah, hinter mir eine helle Stimme und das typische Rascheln.

“Mama, guck mal”, sagt es und es macht Ratsch, Ratsch. Das Geräusch machen sie um diese Jahreszeit immer. Sie tragen Matschhosen aus Plastik, und wenn sie rennen, reiben ihre Beinchen aneinander. Ratsch Ratsch, macht das Kind und ruft, “Eine Katze!”

Ich sprinte und hechte in einen Schacht vor einem der Kellerfenster in Sicherheit. Zumindest vor dem Kind, denn wie das ich solchen Situationen immer ist, kommt man vom Regen in die Traufe. Vor mir sitzt eine Kanalratte, abgefuckt und feist benagt sie einen Plastikspielzeug-Bagger. Der Glanz in ihren Knopfaugen sagt mir, dass sie high ist.  Zugedröhnt von den Weichmachern im Kunststoff.

Mein Rücken buckelt und mein Fell sträubt sich. Das ist meine Natur, dafür kann ich nichts. Doch bevor meine Reflexe mich etwas Dummes tun lassen, schalte ich meinen Verstand ein. OK, meine Chancen stehen nicht schlecht. Aber sich mit einer zugedröhnten Ratte in einem engen Schacht anzulegen ist nicht gerade klug. Und schmecken würde sie sicher scheußlich.

“Kollege”, beamt die Ratte höhnisch und hat Mühe mich zu fixieren. Ich springe aus dem Schacht und renne  – zugegeben etwas kopflos – in Richtung Eingang, wo das geschlossene Tor mich bremst. Das Kind ist Bastet-sei-Dank schon im Lastenrad verstaut und festgezurrt. Der Mutter ist das Desinteresse an Katzen, Kaninchen oder sonstigem Getier, was von Kindern gern erbettelt wird, anzusehen. Sehr beruhigend.

Mit erloschenem Blick buxiert die Mutter das Lastenrad aus dem Tor. Ich schlüpfe mit hinaus. Laufe ein paar Meter den Bürgersteig entlang und denke: Schrödinger, wohin jetzt?

“Hihi, du bist ja ganz strubbelig. 80ger Look ist sowas von 2015 ”, höre ich eine bekannte Stimme. Ich schaue hoch und sehe Nameless auf dem Balkon der gegenüberliegenden Häuserzeile. Sie hat den Kopf durch das Geländer gesteckt.

“Punk ‘s not dead”, beame ich zurück, und weil mir nichts besseres einfällt, krieche ich unter ein Auto, was schon länger nicht bewegt wurde. Die Reifen sind platt und der Lack stumpf vor Staub.

Manchmal muss man einfach auf den Zufall warten, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben – sagt die Katze und schaut sehnsüchtig nach oben.

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