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11_Schrödinger #6

11_Schrödinger #6

Der Wischer hat Damenbesuch. Diesmal keine Tinderrella, sondern die Nachbarin. Ohne lange Haare, Magerkeit und Glitzernasensteinchen. Ich liege auf dem Schreibtisch auf einem Stapel Notizen, die unter mir gemütlich knistern. Hatte ganz vergessen, wie schön es ist im warmen Trockenen zu sein. War zu lange auf den Dächern unterwegs, da vergisst man sowas.

Der Wischer hackt mit hochgezogenen Schultern auf die Tastatur ein, während die Nachbarin Kaffee macht. Sie scheut die mit Pizzaschachteln und dreckigem Geschirr zugestellte Küchenecke nicht, sondern summt vor sich hin. Sie mag den Wischer. Doch tragischerweise mag er nur Frauen, die er WILL. Oder um es genauer auszudrücken: Von denen er annimmt, dass er sie wollen sollte, um zu den beneidenswerten Männern zu gehören. Doch diese Frauen interessieren sich nicht die Bohne für ihn, denn er ist gleich in mehrfacher Hinsicht zu zu.

Zu arm, zu nerdig, zu dicklich, zu zynisch und zu verkorkst. Gut, das letzte stört menschliche Weibchen in der Regel nicht, und die ersten vier könnte er durch beruflichen Erfolg oder Geld ausgleichen, aber da sehe ich schwarz. Er schreibt „Romane“. Wenn er darüber spricht, setzt er den Begriff in Gänsefüßchen.

Die Nachbarin mag seine Romane. Sie fragt, was er denn Schönes schreibe.

„Stoff für fette frustrierte Weiber“, sagt er, ohne vom Bildschirm auf zu schauen.

Sie will ihm den heißen Kaffee in den Schritt gießen. Zumindest durchzuckt dieser Gedanke kurz ihre Gedanken. Doch dann lächelt sie und stellt die Tasse neben seiner Tastatur ab.

„Cool“, sagt er dümmlich, „Ich muss mich beeilen, hab noch ein Date“.

Er ist ein Dummkopf.

„Es ist Quälerei, eine Katze in so einer dreckigen Winzbude zu halten“, sagt sie scharf.

„Das Vieh wohnt hier nicht, ja! Die ist einfach reingekommen“, sagt er und es klingt so, als meint er nicht nur mich. „Die ist unheimlich.“

Ehe ich reagieren kann, hat die Nachbarin mich hochgehoben. Sie riecht nach Vanille und Secondhand-Klamotten, trägt mich die Treppe hinunter und setzt mich im Hof ab. Was soll ich zwischen Mülltonnen, Lastenfahrrädern und ambitioniert begärtnerten Beeten? Ich maunze so kläglich, wie ich kann.

Doch anstatt mein Leid zu erkennen, streichelt sie mich und sagt im Gehen: „Den Blödmann sind wir los“.

Ich ja – sagt die Katze, bei dir bin ich mir nicht so sicher.

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