Schrödinger

03_Schrödinger #2

Ich gähne und lasse meine Ohren zucken. Entscheidungen zu beklagen, die man in der Vergangenheit getroffen hat, ergibt nur einen Sinn, wenn man was daraus lernt. Was ja selten genug der Fall ist.

Immerhin lebe ich nun auf dem Dach. Dabei könnte ich es belassen. Doch ich frage mich, warum ich es so lange auf der Straße in einer misslichen Lage aushielt, ohne auf die Idee zu kommen, die Lage zu ändern? Tscha! Um mich vom Nachdenken über die Frage abzulenken richte ich meine grünen Augen auf mein Lieblings-Objekt.

Im Haus gegenüber stehen die Balkontüren offen. Ganz oben klappert Geschirr, unten ist wie üblich niemand zu sehen und im zweiten Stock tritt mein Objekt auf den Balkon und steckt sich eine Zigarette an. Ich mag das große Männchen, auch wenn es unprofessionell ist, das zu sagen. Objekte soll man nicht mögen, ich weiß. Aber er funktioniert präzise und seine Verhaltens-Muster sind gut zu erkennen. Kein Wischiwaschi, wie bei vielen seiner Art.  

Für gewöhnlich parkt er sein Cabrio, steigt aus, nimmt Tüten aus dem Kofferraum, geht in den zweiten Stock und putzt sich mit Wasser (iiihhh). Ich muss mich jedes Mal schütteln, wenn er feucht aus dem Bad kommt und sich vor seinen Schrank stellt. Er zieht sich an und sieht genauso aus wie zuvor: Ein weißes Hemd und eine dunkle Hose. Er reicht jetzt wahrscheinlich anders, doch das kann ich von hier oben nicht feststellen. Starker Geruch, den sie aus kleinen Flaschen auf sich sprühen, ist Teil des Balz-Ritus. Dabei haben Menschen Unmengen von Drüsen, die sie allerdings kaum zur Kommunikation nutzen. Ein Rätzel.

Eine Uhr, zwei Smartphones, ein Portemonnaie und die Schlüssel des Wagens steckt er ein und geht. Zurück kommt er mit einem langhaarigen Weibchen, er gibt ihr Sekt zu trinken, sie sitzen auf dem Balkon. Wenn der Wind günstig steht, kann ich riechen, dass sie sich gleich die Gesichter ablecken werden. So beginnt die Paarung.

Ist kein Weibchen vorgesehen, putzt er sich nicht, sondern macht sich eine Dose Linsensuppe warm und setzt sich mit Rotwein und Zigaretten auf den Balkon. Heute ist so ein allein-mit-der-Linsensuppe-Abend. Er drückt die Zigarette im Aschenbecher aus und sieht aus, als ob ihm was fehlt.

Ich bin gern allein – sagt die Katze und leckt sich genüsslich überall.

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